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Wege aus der Depression

Wenn die Gedanken einer schwarzen Leinwand ähneln

Neun Uhr morgens. Die Sonne strahlt durch das Fenster. Müde öffnet sie ihre Augen und blinzelt in das Licht. Es ist höchste Zeit aufzustehen, doch ihre Glieder fühlen sich schwer wie Blei an. Der Kopf ist leer. Warum aufstehen, fragt sie sich. Für was? Jenny M.* bleibt wach, aber regungslos im Bett liegen, während die negativen Gedanken, wie ein dumpfes Brummen, durch ihren Kopf jagen. Warum stehst du nicht auf? Du kriegst nichts auf die Reihe! Du musst doch…! 

Schuldzuweisungen und Selbstanklagen wechseln sich in innerhalb ihres Gedankenstrudels ab und ziehen sie immer weiter in die Tiefe. Neben ihrem Fenster hört sie die Vögel fröhlich zwitschern, während sie vor Erschöpfung wieder die Augen schließt. 

Morgens immer müde

Antriebslosigkeit, Müdigkeit, Angst und Apathie sind nur einige der möglichen Symptome einer Depression. Bei Jenny M. setzten diese Anzeichen innerhalb von sechs Wochen ein. Sie fing an, sich von Freunden zurückzuziehen und besuchte auch nicht mehr die wöchentlichen Chorproben, die ihr einst so viel Freude bereitet haben. Im Job lief es auch eher mäßig. In dem mittelständischen Unternehmen, indem die 37-jährige als Grafikerin arbeitete, wurden immer mehr Stellen gestrichen. Die Arbeitsbelastung stieg. Genauso wie die Unsicherheit, wie lange es ihre Stelle noch geben würde. 

Ihre Lieblings-Kollegin, die acht Jahre schräg gegenüber von ihr den Schreibtisch besetzte, musste vor vier Wochen ihre Sachen packen. “Als sie schließlich ging, war das ein bisschen so, wie ein Familienmitglied zu verlieren, schließlich haben wir Tag für Tag zusammengearbeitet. Wir waren mehr als Kolleginnen, wie sind über die Jahre Freundinnen geworden.” Tränen steigen ihr in die Augen, als sie davon erzählt. 

Als Ursachen für eine Depression kommen viele Faktoren zum Tragen. Häufig spielen jedoch Verlusterfahrungen, lebensverändernde Situationen, körperliche Erkrankungen oder auch eine genetische Veranlagung innerhalb der Familie eine Rolle. Auch Suchterkrankungen, Schilddrüsenunterfunktion oder Medikamente können eine Depression begünstigen. 

Jenny M. kann hinter die Risikofaktoren für das Entstehen ihrer Depression einige Häkchen setzen. Zwar gibt es in ihrer Familienhistorie keinen bekannten Fall einer depressiven Erkrankung, doch der Stress bei der Arbeit, und die damit verbundenen Ängste, hatten sie in den letzten Monaten ganz schön mitgenommen. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und auch die vielen Veränderungen im Unternehmen setzten sie zusätzlich unter Druck. Zum Abschalten köpfte sie nach Feierabend immer häufiger eine Flasche Wein. Zum Runterkommen. Anfangs waren es nur eine halbe Flasche in der Woche, doch mit der Zeit wurde das Weintrinken am Abend zum Ritual, um den Tag “besser vergessen” zu können. “Natürlich wusste ich insgeheim, dass das nicht gut ist, aber mir fehlte es anscheinend an alternativen Strategien, um mit meinen Gefühlen fertig zu werden.

Jennys körperliche Symptome häuften sich: Irgendwann half auch der Wein nicht mehr beim Einschlafen, dafür war sie morgens bereits um 5 Uhr wach und wälzte sich im Bett hin und her und da waren sie dann wieder: Die negativen Gedanken. “Ich kann nichts, ich bin nichts wert, niemand mag mich, ich bekomme nichts hin – ich kann einfach nicht mehr!”

Selbst die heißgeliebte Tasse Kaffee am Morgen konnte sie irgendwann nicht mehr motivieren aufzustehen und in den Tag zu starten.  Die Waage, die früher bestimmt kein Freund war, zeigte mittlerweile sechs Kilo weniger an. Die letzten Wochen hatte es die junge Frau einfach nicht mehr geschafft, sich etwas zu kochen, geschweige denn regelmäßig zu essen. Sie hatte keinen Appetit mehr. “Ich wusste, irgendwas stimmt nicht mit mir, ich bin einfach nicht mehr ich selbst.” Doch sich selbst einzugestehen: “Ich habe Depressionen!”, das widerstrebte ihr regelrecht. Es konnte aber nicht so weitergehen, immer häufiger fehlte sie bei der Arbeit und das Leben schien ihr jeden Tag ein Stückchen mehr zu entgleiten. Es musste sich etwas ändern!

Diagnose Depression

Ein Besuch beim Hausarzt öffnete ihr schließlich die Augen. Nachdem sie ihm ihre Symptome geschildert hatte, sprach er aus, was sie bisher immer für unmöglich hielt: “Ich denke, sie leiden an Depressionen!”. “WHAT?! Ich?! Aber…”. Es war, wie wenn ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen hätte und ihr doch gleichzeitig die Hand reichte. Da war sie, die Diagnose! Erleichterung mischte sich mit Panik. Jetzt wusste sie zwar, was mit ihr los war, aber hätte es nicht ein einfacher Eisen- oder Vitamin-D-Mangel auch getan? Depressionen, da denkt man immer an Menschen, die lebensmüde sind, die immer traurig sind. Ja, traurig war sie auch, aber an Selbstmord hatte sie wirklich noch nie gedacht. Deshalb schien ihr die Diagnose auch so abwegig. Heute weiß sie, dass nicht jeder Depressive gleich ist und nicht jedes Symptom bei einem selbst vorhanden sein muss. Die Depression hat viele Gesichter.

Neben einem Rezept für ein Antidepressivum gab ihr der Hausarzt den Rat, sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen. 

Kleine Schritte zurück ins Leben

Der Weg aus der Depression war rückblickend gesehen alles andere als leicht. Es war ein bisschen, wie wieder leben lernen. In der Verhaltenstherapie hatte plötzlich alles einen Plan: Sie musste wieder lernen wie man einen Tag sinnvoll strukturiert, welchen Einfluss positive Aktivitäten auf die Gefühlswelt haben und ihr Denken wieder realistischer zu betrachten. Auch ihre Werte und Ziele standen plötzlich im Fokus. Durch die Therapie war sie quasi gezwungen sich mit ihrem bisherigen Lebensmodell auseinanderzusetzen und es auch kritisch zu betrachten. Dabei stellte sich immer mehr heraus, dass Dinge, die ihr wichtig waren, zum Beispiel Freundschaften, Hobbys, Partnerschaft, entweder gar nicht mehr vorhanden waren oder definitiv zu kurz kamen. Je länger sie sich mit sich beschäftigte, desto besser schaffte es Jenny der Depressionsfalle zu entkommen. Und ja, immer wieder fielen die sogenannten Verhaltensänderungen schwer, aber Schritt für Schritt lernte sie wieder aktiv zu werden und sich auch für Fortschritte zu belohnen. 

Heute, ein Jahr später, kann Jenny sagen: Ich habe die Depression im Griff! Um nicht wieder in eine depressive Episode zurückzufallen, setzt sie bis heute noch konsequent ihren Wochenplan um und achtet darauf, dass das was ihr wichtig ist im Leben, nicht mehr zu kurz kommt. 

Jenny M.*: Den Namen der Protagonistin dieses Beitrags habe ich frei erfunden. 

Bin ich depressiv?

Schnellcheck: Depression Symptome

⇒ Wenig Interesse und Freude an vormals   angenehmen Tätigkeiten

Gefühle von Traurigkeit, Angst oder Leere

Niedergeschlagenheit, Schwermut, Hoffnungslosigkeit

⇒ Starke Müdigkeit und das Gefühl keine Energie mehr zu haben

Antriebsarmut

Verminderter Appetit oder übermäßiges Bedürfnis zu essen

Schlechte Meinung über sich selbst:

⇒ Lustlosigkeit

⇒ Nachlassendes sexuelles Interesse

⇒ Schlafstörungen und/oder Schlaflosigkeit, frühmorgendliches Erwachen

⇒ Konzentrationsschwierigkeiten

⇒ Sozialer Rückzug

⇒  Gefühle von Wertlosigkeit

⇒  Physische Symptome, wie Kopf- oder Bauchschmerzen, die auf keine Therapie ansprechen

⇒ Suizidgedanken