Angststörung an Bord!Valentina Photos | shutterstock.com
25 Jan 2017

Angststörung an Bord!

Normales Gefühl oder Erkrankung?

Keiner mag sie, jeder kennt sie, Angst! So wichtig sie für unser (über)leben ist, so quälend kann Angst für manche Menschen werden. 15 Prozent der Deutschen leiden unter einer Angststörung. Doch, wann ist sie nur eine lästige Begleiterscheinung und wann wird Angst krankhaft?

Ihre Hände krallen sich fest um das Steuer des kleinen Fiats. Arme, Beine, der ganze Körper von Katrin H. fühlt sich plötzlich taub an. Schweißperlen sammeln sich auf ihrer Stirn. Ihr Herz rast und Schwindel vernebelt ihre Sicht. Die Fahrbahn verschwimmt. Angst kriecht durch ihre Adern. Dann, Panik!

Was Katrin H. auf dem Weg zur Arbeit erlebte, kein Einzelfall. In Deutschland sind nach einer Studie zur psychischen Gesundheit (DEGS1-MH) des Robert-Koch- Instituts rund 10 Millionen Menschen von einer Angststörung betroffen. Frauen sogar doppelt so häufig wie Männer.

Wenn Angst zur Bedrohung wird

Jeder von uns hat ab und zu Angst, soweit so normal. Denn Angst gehört wie Freude, Trauer oder Liebe fest zu unserem Gefühls-Repertoire. In manchen Situationen kann Angst sogar dabei helfen, unser Bestes zu geben. Beispielsweise bei der Vorbereitung auf eine Prüfung. Hätten wir im Vorfeld keine Furcht vor diesem Szenario, würden wir sehr wahrscheinlich auch nicht rechtzeitig anfangen dafür zu büffeln und somit riskieren, durch die Prüfung zu rasseln. Wenn Angst jedoch beginnt das Leben einzuschränken und Leidensdruck entsteht, spricht man nicht mehr von normaler Angst, sondern von einer Angststörung.

Was Katrin H. während ihrer Autofahrt erlebte, war ein Gefühl von intensiver Angst, die völlig aus dem Nichts auftauchte, eine sogenannte Panikattacke. Betroffene erleben dabei einen Kontrollverlust, der sie in Todesangst versetzt. Starkes Schwitzen, Herzrasen, Mundtrockenheit, Erstickungs- und Beklemmungsgefühle sind nur einige Symptome, die eine Panikattacke charakterisieren. Meist dauern solche Anfälle nur wenige Minuten, für die Betroffenen können sie sich aber wie Stunden anfühlen. Für Katrin H. war das Erlebnis einschneidend. Sie traute sich seitdem nicht mehr auf die Autobahn. „Lieber eine Stunde länger auf der Landstraße entlanggurken als noch einmal so schlimme Angst haben zu müssen“, beschreibt sie ihre Autobahn-Vermeidungs-Strategie. Dieses Vorgehen funktionierte auch, anfangs jedenfalls. Bis sie eines Tages auch auf der Schnellstraße von einer Panikattacke überrascht wurde. In den folgenden Wochen bekam sie immer öfter Anfälle, einmal sogar während eines Meetings. Katrin H. war psychisch und körperlich am Ende ihrer Kräfte. Schließlich suchte sie sich Hilfe bei ihrem Hausarzt, der sie direkt an einen Psychiater verwies. Die Diagnose: F41.0, Panikstörung. Ein Schock für die 34-jährige Marketing-Assistentin.

Das Fass ist voll

Die Ursachen für Angststörungen oder Panikattacken sind multifaktoriell bedingt. Das heißt, mehrere Faktoren wirken bei der Entstehung psychischer Störungen zusammen: Eine genetische Prädisposition, neurologische Prozesse sowie erlernte Verhaltensmuster und die eigene Lebenssituation spielen eine Rolle. Auch bei Katrin H. war dies der Fall. Ihre Stelle als Marketing-Assistentin bei einer Agentur war befristet und sie musste ständig damit rechnen, ihren Vertrag nicht verlängert zu bekommen. Neben den vielen Überstunden bei der Arbeit, blieb kaum mehr Zeit für Hobbys oder Freunde. Auch in Katrin H.‘s Beziehung lief nicht alles rund. Ihr Partner hatte ihr erst kürzlich eine Affäre gestanden. So kamen in ihrem Leben unterschiedliche Stressoren zusammen und irgendwann war das Maß voll und die psychische Widerstandskraft von Katrin H. war aufgebraucht. Aufgrund dieser Verletzlichkeit, auch als Vulnerabilität bezeichnet, hatte die Angststörung bei der 34-jährigen leichtes Spiel. Man könnte auch sagen: Ihre Psyche war angezählt und ihr Körper sah keine andere Möglichkeit mehr, als seine „Verletzung“ in Form einer psychischen Erkrankung auszudrücken. In der Psychologie wird dieses Phänomen als Vulnerabilitäts-Stress-Modell bezeichnet. In diesem Modell wird die individuelle Verletzlichkeit als ein Fass beschrieben, das unterschiedlich schnell überlaufen kann. Das Wasser, mit dem das Fass befüllt wird, symbolisiert das Zusammenspiel aus beruflichen und privaten Stress sowie sozialen Belastungen. Das Fass jedes Menschen hat ein unterschiedlich großes Fassungsvermögen. Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, weisen eine höhere Verletzlichkeit auf und ihr Fass ist schneller voll.

Die Angst vor der Angst verlernen

Katrin H. hat sich schließlich für die kognitive Verhaltenstherapie entschieden, um ihre Angststörung behandeln zu lassen. Diese Therapieform gilt bei Angst- und Panikstörungen als eine der effektivsten und wissenschaftlich fundiertesten Behandlungsmethoden. Während der Therapiestunden lernte die Marketing-Assistentin, was ihre Ängste verursacht, was die Ursachen hierfür sind und was die Angst am Leben erhält. Durch dieses Verständnis wurde sie mit der Zeit selbst Expertin für ihre Erkrankung. Die wichtigste Erkenntnis für Katrin H.: Ihr Vermeidungsverhalten, also nicht mehr Auto zu fahren, verstärkt die Angst auf Dauer um ein Vielfaches. Die gezielte Konfrontation mit ihrer Autofahrangst brachte bei Katrin H. schließlich den Durchbruch, um den Angstkreislauf zu durchbrechen. Zu Beginn waren die Konfrontationsübungen am Steuer zwar alles andere als angenehm für Katrin H., doch mit der Zeit setzte eine Art Gewöhnung ein und ihre Angst wurde immer weniger.

Bye-bye Angstzustände

Heute, sechs Monate nach ihrer ersten Therapiestunde, fährt Katrin H. wieder gerne Auto. Sie hat ihre Angst besiegt. In der Therapie hat sie aber auch gelernt, dass sie ihrer psychischen Gesundheit zukünftig mehr Beachtung schenken muss. So selbstverständlich wie wir unseren Körper mit Sport fit halten, so wichtig ist es auch die Psyche zu pflegen. Katrin H. hat das verstanden und nimmt sich täglich Zeit für ihre Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen. Ihren Job hat sie mittlerweile gewechselt. Bei ihrem neuen Arbeitgeber ist sie jetzt sogar unbefristet angestellt und Überstunden sind nicht mehr die Regel. „Mich meiner Angst zu stellen war das Furchtbarste und gleichzeitig das Beste, was mir jemals passiert ist. Das Furchtbarste, weil es nicht wirklich Spaß macht, sich mit seinen Ängsten zu konfrontieren. Das Beste daran war aber, dass ich wahnsinnig viel über mich selbst gelernt habe. Ich kann heute viel besser einschätzen, wo meine Grenzen liegen. Auf jeden Fall soll mein Fass nie wieder überlaufen“, sagt sie bestimmt, während sie ins Auto steigt.


Barbara Deppe